
KONTINUITÄTEN RECHTEN TERRORS
Rechte Gewalt ist seit Bestehen des Bundeslandes eine permanente Begleiterscheinung. Seit der behördlichen Erfassung ab den 1970er Jahren zieht sich diese wie ein roter Faden durch die Geschichte Hessens.
Für die 1950er und 1960er Jahre lässt sich die Dimension rechter Gewalt aufgrund unzureichender Daten kaum beziffern. Doch bereits 1951 gründete sich in Südhessen die erste rechtsterroristische Gruppierung in der Geschichte der BRD: die antikommunistisch ausgerichtete Organisation „Technischer Dienst“. Daneben waren rechte Angriffe zu dieser Zeit meist antisemitisch motiviert: Landesweit wurden zahlreiche jüdische Friedhöfe geschändet, in Kassel versuchten Unbekannte eine Synagoge in Brand zu setzen. Zudem gab es Mordpläne gegen den damaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, weil dieser Verantwortliche für die Shoah juristisch verfolgte.
Ab den 1970er Jahren nahmen die Aktivitäten im gewaltbereiten Spektrum bundesweit rapide zu: Nachdem die NPD 1969 nur knapp den Einzug in den Bundestag verpasste, radikalisierten sich Teile der extremen Rechten. Sie forderten die Wiederzulassung der NSDAP und einige schlugen einen militanten Weg ein. Diese Entwicklung mündete zwischen Ende der 1970er und dem Jahr 1982 in eine erste Hochphase der Gewalt, die von rechtsterroristischen Anschlägen geprägt ist: Hoch-ideologisierte Alt- und Neo-Nazis begingen schwerste Gewalttaten mit Schusswaffen oder Sprengstoff. Das Rhein-Main-Gebiet entwickelte sich zu dieser Zeit zu einem Hotspot rechtsterroristischer Gruppen.
Vor dem Hintergrund einer zunehmend aufgeheizten Stimmung gegen Geflüchtete nahmen Ende der 1980er rassistisch-motivierte Gewalttaten zu. Sie waren der Ausgangspunkt für die zu Beginn der 1990er beginnende zweite Hochphase rechter Gewalt. Zwischen 1991 und 1994 verletzten überwiegend junge Männer meist rassistisch motiviert über 100 Menschen. Die Behörden registrierten 115 Brandstiftungen. Bei einer dieser Brandstiftungen starb im südhessischen Lampertheim eine dreiköpfige Familie aus Sri Lanka. Es sind die ersten Todesopfer rechter Gewalt auf hessischem Boden.
In den folgenden Jahren nahm die Zahl rechter Gewalttaten zwar ab. Wiederkehrend wurden dennoch schwere Gewalttaten und auch Morde verübt: 2001 wurde Dorit Botts in Fulda ermordet, 2006 Halit Yozgat in Kassel erschossen.
KONTINUITÄTEN RECHTEN TERRORS II
Ab 2014 beginnt eine dritte bis heute andauernde Hochphase, in der sich die Gewalt erneut primär gegen Geflüchtete und deren Unterkünfte richtete. 2019 und 2020 erreichte die rechte Gewaltwelle ihren tödlichen Höhepunkt: In Wolfhagen erschoss ein Neonazi den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. In Hanau tötete ein Rassist zehn Menschen. Zudem hatten zahlreiche Gruppen und Einzelpersonen weitere Terroranschläge geplant, die den Sicherheitsbehörden jedoch rechtzeitig bekannt wurden. Auch wenn rechte Gewalt in Hessen seit 2020 keine Todesopfer mehr gefordert hat, wurde seit 2022 nahezu wöchentlich eine rechte Gewalttat behördlich erfasst. Für 2024 bilanzierten die Behörden 50 rechtsmotivierte Gewalttaten. Dies ist der höchste Wert seit über 30 Jahren.
Zwischen 1991 und 2024 registrierten die Behörden insgesamt rund 1.500 rechte Gewalttaten in Hessen. Unberücksichtigt bleibt dabei eine mutmaßlich große Zahl nicht anerkannter rechter Gewalttaten.
WAS IST RECHTER TERROR?
„Terror“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Angst und Schrecken. Genau das ist die Folge rechter Gewalt: Sie löst Angst und Unsicherheit innerhalb der angegriffenen Gruppen aus. Personen werden meist nicht als Individuen angegriffen, sondern weil sie einer bestimmten sozialen Gruppe zugeordnet werden, die es zu bekämpfen gilt. Unabhängig von der Intention der Täter senden rechte Gewalttaten die Botschaft „Das nächste Opfer könntest du sein“ an die Gruppe der Betroffenen. Die Folgen davon: potenziell Betroffene fühlen sich nicht mehr sicher, denken darüber nach, das Land zu verlassen oder trauen sich nicht mehr, ihre politische Haltung zu äußern.
Rechter Terror beginnt mit Hassrede und Drohungen. Die Ausstellung konzentriert sich auf Gewalttaten im engeren Sinne: Körperverletzungsdelikte, Messerangriffe, Brand- und Bombenanschläge sowie den Einsatz von Schusswaffen.
Rechte Gewalttaten werden häufig spontan aus einer Alltagssituation heraus verübt. Nicht immer verfolgen die Täter bewusst ein übergeordnetes, politisches Ziel. Motivleitend ist gleichwohl ein rechtes Weltbild. Wenn längerfristig vorbereitete schwerste Gewalttaten politische Ziele verfolgen, die über die einzelne Tat hinausgehen, handelt es sich um Rechtsterrorismus.
WER WIRD WARUM ANGEGRIFFEN?
Rechter Terror ist ein Gewalthandeln, das einer spezifischen Sicht auf gesellschaftliche Entwicklungen folgt. Sie ist im Kern von völkisch-nationalistischen Vorstellungen geprägt, also dem Wunsch nach einer ethnisch-kulturell homogenen Bevölkerung und einem autoritären Staat.
Um Anhänger*innen zu gewinnen, schüren extrem rechte Akteur*innen Ängste in der Bevölkerung, indem sie bestimmte Krisenerzählungen verbreiten. Sie sprechen beispielsweise von der „Abschaffung Deutschlands“, der „Islamisierung des Abendlandes“ oder dem „großen Austausch“. Die Stoßrichtung dieser Erzählungen ist: das „deutsche Volk“ sei substanziell bedroht, sterbe demnächst aus oder werde durch andere „Völker“ ersetzt. Ursache sei eine von „der politischen Elite“ gesteuerte Zuwanderung. In Zeiten tatsächlich existierender Krisen, die Menschen verunsichern, können solche Erzählungen leicht verfangen, weil sie einfache Erklärungen und Lösungen anbieten. Zudem vermitteln sie das Gefühl, dass auf den Staat kein Verlass mehr sei, die Dinge zu regeln. Radikalisierte Personen erachten es dann als ihr Recht oder gar ihre Pflicht, das vermeintlich Bedrohte mit bewaffneter Gewalt zu verteidigen. Insbesondere in den vergangenen Jahren begründeten rechte Gewalttäter ihre Taten wiederkehrend mit solchen Untergangs- und Verschwörungserzählungen.
Die Auswahl der Personengruppen, gegen die sich rechte Gewalt richtet, ergibt sich primär aus verschiedenen Facetten des extrem rechten Weltbildes. Mit Blick auf die Geschichte Hessens zeigt sich diesbezüglich eine hohe Kontinuität: So richten sich die meisten Gewalttaten gegen Menschen, die von den Tätern als „kulturfremd“ wahrgenommen werden – insbesondere seit den frühen 1980er Jahren. Angriffe auf politische Gegner*innen ziehen sich indes durch die gesamte Geschichte. Im Fokus standen meist Personen aus dem linken Spektrum, vielfach Antifaschist*innen. Auch demokratische Politiker*innen wurden wiederholt attackiert: als vermeintlich Verantwortliche für die „nationale Krise“ oder Repräsentant*innen der verhassten Demokratie. Auch antisemitische Gewalttaten weisen eine hohe Kontinuität auf, da der Antisemitismus seit jeher zentral für die extrem rechte Ideologie ist.
Da die extreme Rechte auch aktuelle Entwicklungen und Debatten aufgreift und in ihrem Sinne (um)deutet, variiert die Wahl der angegriffenen Personengruppen zu verschiedenen Zeiten. So richtet sich seit einigen Jahren rechte Gewalt zunehmend auch gegen queere Personen, weil diese nicht den traditionellen Geschlechterrollen entsprechen.
WER SIND DIE TÄTER?
Da politisch-motivierte Gewalthandlungen stets im Zusammenhang mit der Weltanschauung und Deutung gesellschaftlicher Entwicklungen der Täter stehen, gehen Gewalttaten meist von hochideologisierten Tätern wie Neonazis aus. Doch nicht immer weisen rechte Gewalttäter ein gefestigtes Weltbild auf oder üben ihre Taten bewusst als politischen Akt aus – selbst bei schweren,
tödlich endenden Gewalttaten.
Zahlreiche Studien, wie die sogenannte „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, zeigen, dass rechte Einstellungsmuster in der Bevölkerung quer durch verschiedene Schichten und Milieus weit verbreitet sind. Damit lässt sich erklären, warum auch Personen ohne Bezüge zur organisierten extremen Rechten Täter werden. Es sind solche (unbewussten) Einstellungsfragmente, die bei potenziellen Tätern zu einer erhöhten Bereitschaft führen, Gewalt gegenüber bestimmten Personen(gruppen) anzuwenden. Nur so lassen sich völlig überzogene Reaktionen erklären. Zwei Beispiele aus Hessen: In Darmstadt reagierte ein Nachbar mit tödlichen Schüssen auf eine angebliche Lärmbelästigung eines türkischen Nachbarn; als Reaktion auf das angebliche Nichterscheinen eines Bewohners zur vereinbarten Verabredung zündeten drei Personen in Lampertheim eine Asylunterkunft an. Bei dem Brand starb eine dreiköpfige Familie.
In der aktuellen Hochphase treten zudem verstärkt Täter in Erscheinung, die bisher keine oder kaum Bezüge zur organisierten extremen Rechten aufwiesen, jedoch rechtsterroristische Taten wie Morde, Anschläge oder einen politischen Umsturz planten. Von diesen Personen, die sich durch gesellschaftliche Diskursverschiebungen, Krisenerfahrungen und die Verbreitung von Verschwörungserzählungen in kürzester Zeit radikalisiert haben, geht eine große Gefahr aus.


Die Ausstellung basiert auf den Recherchen zu dem Buch „Rechter Terror in Hessen“ von Sascha Schmidt & Yvonne Weyrauch – erschienen 2023 im Wochenschauverlag.
Weitere Informationen zum Buch hier:
www.wochenschau-verlag.de/Rechter-Terror-in-Hessen/
In mehreren Podcasts sprechen die Autor*innen über ihre Recherche.
Empfohlen sei an dieser Stelle:
Rechter Terror in Hessen - Im Rahmen der Reihe „Extreme Zeiten“ des Demokratiezentrums Marburg
und
Die Ausstellung ist ein Projekt des DGB Bildungswerk Hessen e.V. und wurde gefördert von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.

Kurator*innen der Ausstellung:
Sascha Schmidt & Yvonne Weyrauch
Fotografie:
Mark Mühlhaus
Die Bilder der Orte entstanden 2021 bis 2025.
Layout:
Kolja Schwab

KONTINUITÄTEN RECHTEN TERRORS
Rechte Gewalt ist seit Bestehen des Bundeslandes eine permanente Begleiterscheinung. Seit der behördlichen Erfassung ab den 1970er Jahren zieht sich diese wie ein roter Faden durch die Geschichte Hessens.
Für die 1950er und 1960er Jahre lässt sich die Dimension rechter Gewalt aufgrund unzureichender Daten kaum beziffern. Doch bereits 1951 gründete sich in Südhessen die erste rechtsterroristische Gruppierung in der Geschichte der BRD: die antikommunistisch ausgerichtete Organisation „Technischer Dienst“. Daneben waren rechte Angriffe zu dieser Zeit meist antisemitisch motiviert: Landesweit wurden zahlreiche jüdische Friedhöfe geschändet, in Kassel versuchten Unbekannte eine Synagoge in Brand zu setzen. Zudem gab es Mordpläne gegen den damaligen hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, weil dieser Verantwortliche für die Shoah juristisch verfolgte.
Ab den 1970er Jahren nahmen die Aktivitäten im gewaltbereiten Spektrum bundesweit rapide zu: Nachdem die NPD 1969 nur knapp den Einzug in den Bundestag verpasste, radikalisierten sich Teile der extremen Rechten. Sie forderten die Wiederzulassung der NSDAP und einige schlugen einen militanten Weg ein. Diese Entwicklung mündete zwischen Ende der 1970er und dem Jahr 1982 in eine erste Hochphase der Gewalt, die von rechtsterroristischen Anschlägen geprägt ist: Hoch-ideologisierte Alt- und Neo-Nazis begingen schwerste Gewalttaten mit Schusswaffen oder Sprengstoff. Das Rhein-Main-Gebiet entwickelte sich zu dieser Zeit zu einem Hotspot rechtsterroristischer Gruppen.
Vor dem Hintergrund einer zunehmend aufgeheizten Stimmung gegen Geflüchtete nahmen Ende der 1980er rassistisch-motivierte Gewalttaten zu. Sie waren der Ausgangspunkt für die zu Beginn der 1990er beginnende zweite Hochphase rechter Gewalt. Zwischen 1991 und 1994 verletzten überwiegend junge Männer meist rassistisch motiviert über 100 Menschen. Die Behörden registrierten 115 Brandstiftungen. Bei einer dieser Brandstiftungen starb im südhessischen Lampertheim eine dreiköpfige Familie aus Sri Lanka. Es sind die ersten Todesopfer rechter Gewalt auf hessischem Boden.
In den folgenden Jahren nahm die Zahl rechter Gewalttaten zwar ab. Wiederkehrend wurden dennoch schwere Gewalttaten und auch Morde verübt: 2001 wurde Dorit Botts in Fulda ermordet, 2006 Halit Yozgat in Kassel erschossen.
KONTINUITÄTEN RECHTEN TERRORS II
Ab 2014 beginnt eine dritte bis heute andauernde Hochphase, in der sich die Gewalt erneut primär gegen Geflüchtete und deren Unterkünfte richtete. 2019 und 2020 erreichte die rechte Gewaltwelle ihren tödlichen Höhepunkt: In Wolfhagen erschoss ein Neonazi den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. In Hanau tötete ein Rassist zehn Menschen. Zudem hatten zahlreiche Gruppen und Einzelpersonen weitere Terroranschläge geplant, die den Sicherheitsbehörden jedoch rechtzeitig bekannt wurden. Auch wenn rechte Gewalt in Hessen seit 2020 keine Todesopfer mehr gefordert hat, wurde seit 2022 nahezu wöchentlich eine rechte Gewalttat behördlich erfasst. Für 2024 bilanzierten die Behörden 50 rechtsmotivierte Gewalttaten. Dies ist der höchste Wert seit über 30 Jahren.
Zwischen 1991 und 2024 registrierten die Behörden insgesamt rund 1.500 rechte Gewalttaten in Hessen. Unberücksichtigt bleibt dabei eine mutmaßlich große Zahl nicht anerkannter rechter Gewalttaten.
WAS IST RECHTER TERROR?
„Terror“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Angst und Schrecken. Genau das ist die Folge rechter Gewalt: Sie löst Angst und Unsicherheit innerhalb der angegriffenen Gruppen aus. Personen werden meist nicht als Individuen angegriffen, sondern weil sie einer bestimmten sozialen Gruppe zugeordnet werden, die es zu bekämpfen gilt. Unabhängig von der Intention der Täter senden rechte Gewalttaten die Botschaft „Das nächste Opfer könntest du sein“ an die Gruppe der Betroffenen. Die Folgen davon: potenziell Betroffene fühlen sich nicht mehr sicher, denken darüber nach, das Land zu verlassen oder trauen sich nicht mehr, ihre politische Haltung zu äußern.
Rechter Terror beginnt mit Hassrede und Drohungen. Die Ausstellung konzentriert sich auf Gewalttaten im engeren Sinne: Körperverletzungsdelikte, Messerangriffe, Brand- und Bombenanschläge sowie den Einsatz von Schusswaffen.
Rechte Gewalttaten werden häufig spontan aus einer Alltagssituation heraus verübt. Nicht immer verfolgen die Täter bewusst ein übergeordnetes, politisches Ziel. Motivleitend ist gleichwohl ein rechtes Weltbild. Wenn längerfristig vorbereitete schwerste Gewalttaten politische Ziele verfolgen, die über die einzelne Tat hinausgehen, handelt es sich um Rechtsterrorismus.
WER WIRD WARUM ANGEGRIFFEN?
Rechter Terror ist ein Gewalthandeln, das einer spezifischen Sicht auf gesellschaftliche Entwicklungen folgt. Sie ist im Kern von völkisch-nationalistischen Vorstellungen geprägt, also dem Wunsch nach einer ethnisch-kulturell homogenen Bevölkerung und einem autoritären Staat.
Um Anhänger*innen zu gewinnen, schüren extrem rechte Akteur*innen Ängste in der Bevölkerung, indem sie bestimmte Krisenerzählungen verbreiten. Sie sprechen beispielsweise von der „Abschaffung Deutschlands“, der „Islamisierung des Abendlandes“ oder dem „großen Austausch“. Die Stoßrichtung dieser Erzählungen ist: das „deutsche Volk“ sei substanziell bedroht, sterbe demnächst aus oder werde durch andere „Völker“ ersetzt. Ursache sei eine von „der politischen Elite“ gesteuerte Zuwanderung. In Zeiten tatsächlich existierender Krisen, die Menschen verunsichern, können solche Erzählungen leicht verfangen, weil sie einfache Erklärungen und Lösungen anbieten. Zudem vermitteln sie das Gefühl, dass auf den Staat kein Verlass mehr sei, die Dinge zu regeln. Radikalisierte Personen erachten es dann als ihr Recht oder gar ihre Pflicht, das vermeintlich Bedrohte mit bewaffneter Gewalt zu verteidigen. Insbesondere in den vergangenen Jahren begründeten rechte Gewalttäter ihre Taten wiederkehrend mit solchen Untergangs- und Verschwörungserzählungen.
Die Auswahl der Personengruppen, gegen die sich rechte Gewalt richtet, ergibt sich primär aus verschiedenen Facetten des extrem rechten Weltbildes. Mit Blick auf die Geschichte Hessens zeigt sich diesbezüglich eine hohe Kontinuität: So richten sich die meisten Gewalttaten gegen Menschen, die von den Tätern als „kulturfremd“ wahrgenommen werden – insbesondere seit den frühen 1980er Jahren. Angriffe auf politische Gegner*innen ziehen sich indes durch die gesamte Geschichte. Im Fokus standen meist Personen aus dem linken Spektrum, vielfach Antifaschist*innen. Auch demokratische Politiker*innen wurden wiederholt attackiert: als vermeintlich Verantwortliche für die „nationale Krise“ oder Repräsentant*innen der verhassten Demokratie. Auch antisemitische Gewalttaten weisen eine hohe Kontinuität auf, da der Antisemitismus seit jeher zentral für die extrem rechte Ideologie ist.
Da die extreme Rechte auch aktuelle Entwicklungen und Debatten aufgreift und in ihrem Sinne (um)deutet, variiert die Wahl der angegriffenen Personengruppen zu verschiedenen Zeiten. So richtet sich seit einigen Jahren rechte Gewalt zunehmend auch gegen queere Personen, weil diese nicht den traditionellen Geschlechterrollen entsprechen.
WER SIND DIE TÄTER?
Da politisch-motivierte Gewalthandlungen stets im Zusammenhang mit der Weltanschauung und Deutung gesellschaftlicher Entwicklungen der Täter stehen, gehen Gewalttaten meist von hochideologisierten Tätern wie Neonazis aus. Doch nicht immer weisen rechte Gewalttäter ein gefestigtes Weltbild auf oder üben ihre Taten bewusst als politischen Akt aus – selbst bei schweren,
tödlich endenden Gewalttaten.
Zahlreiche Studien, wie die sogenannte „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, zeigen, dass rechte Einstellungsmuster in der Bevölkerung quer durch verschiedene Schichten und Milieus weit verbreitet sind. Damit lässt sich erklären, warum auch Personen ohne Bezüge zur organisierten extremen Rechten Täter werden. Es sind solche (unbewussten) Einstellungsfragmente, die bei potenziellen Tätern zu einer erhöhten Bereitschaft führen, Gewalt gegenüber bestimmten Personen(gruppen) anzuwenden. Nur so lassen sich völlig überzogene Reaktionen erklären. Zwei Beispiele aus Hessen: In Darmstadt reagierte ein Nachbar mit tödlichen Schüssen auf eine angebliche Lärmbelästigung eines türkischen Nachbarn; als Reaktion auf das angebliche Nichterscheinen eines Bewohners zur vereinbarten Verabredung zündeten drei Personen in Lampertheim eine Asylunterkunft an. Bei dem Brand starb eine dreiköpfige Familie.
In der aktuellen Hochphase treten zudem verstärkt Täter in Erscheinung, die bisher keine oder kaum Bezüge zur organisierten extremen Rechten aufwiesen, jedoch rechtsterroristische Taten wie Morde, Anschläge oder einen politischen Umsturz planten. Von diesen Personen, die sich durch gesellschaftliche Diskursverschiebungen, Krisenerfahrungen und die Verbreitung von Verschwörungserzählungen in kürzester Zeit radikalisiert haben, geht eine große Gefahr aus.


Die Ausstellung basiert auf den Recherchen zu dem Buch „Rechter Terror in Hessen“ von Sascha Schmidt & Yvonne Weyrauch – erschienen 2023 im Wochenschauverlag.
Weitere Informationen zum Buch hier:
www.wochenschau-verlag.de/Rechter-Terror-in-Hessen/
Die Ausstellung ist ein Projekt des DGB Bildungswerk Hessen e.V. und wurde gefördert von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.

Kurator*innen der Ausstellung:
Sascha Schmidt & Yvonne Weyrauch
Fotografie:
Mark Mühlhaus
Die Bilder der Orte entstanden 2021 bis 2025.
Layout:
Kolja Schwab